Als die Insel noch sich selbst gehörte – Rügen vor dem Tourismus

Artikel veröffentlicht unter: 22. Apr 2026
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Als die Insel noch sich selbst gehörte – Rügen vor dem Tourismus

Der Geruch hing über Sassnitz. Fisch. Rauch. Salz. 1857 schrieb ein Besucher: 'Der ganze Ort riecht nach geräucherten Bücklingen.' Heute riechen Touristen höchstens noch das Meer.

Was die Insel ernährte

Rügen lebte von allem, was die Natur hergab. Drei Küsten, drei Welten. An der Ostsee hingen die Fischer ihre Netze ins offene Meer. Der Hering zog durch, die Dorsche bissen. Was sie fingen, wurde geräuchert, gesalzen, bis nach Berlin verkauft.

Die Bodden waren stiller. Geschützter. Hier stakten die Kähne durch flaches Wasser. Aal und Zander. Schilf für die Dächer. Im Herbst zogen Tausende Kraniche über die weiten Wasserflächen.

Und dann die Binnenseen. Klein. Versteckt. Hechte laichten in den Buchten. Rund um die Ufer wuchsen die Wälder dicht und dunkel. Buchen, deren Holz sich gut verkaufen ließ.

Auf den fruchtbaren Böden zwischen den Küsten gedieh fast alles. Kartoffeln auf den lehmigen Feldern. Getreide, wo der Boden sandig wurde. An den Klippen weideten Schafe, deren Wolle warm hielt. Die Insel nährte, wer sie zu nutzen wusste.

Die Menschen sprachen Plattdeutsch miteinander. 'Dat Water kümt un geiht' – das Wasser kommt und geht. Ein Satz, der das Leben hier zusammenfasste. Abhängig von Gezeiten, Wind und Wetter. Aber nie hilflos.

Gold der Ostsee – schon vor den Römern

Dieselben Strände, an denen heute Urlauber nach Bernstein suchen, waren einst Teil einer Handelsroute. Schon vor über 2000 Jahren kamen Römer und Phönizier nach Rügen. Sie wollten das 'Gold des Nordens'. Bernstein.

Die Insulaner sammelten, was die See anspülte. Tauschten es gegen Werkzeuge, Schmuck, neue Ideen. Rügen war nie abgeschnitten. Das Meer verband mehr, als es trennte. Handelswege führten über die Ostsee bis ins Mittelmeer.

Was heute Souvenir ist, war einmal Währung. Der Strand als Schatzkammer – das ist kein neuer Gedanke. Nur hat sich geändert, wer nach den Schätzen sucht.

Vom Wasser und von der Erde

Nicht alle lebten vom Meer. In den Dörfern im Inselinneren bestimmte das Land den Rhythmus. Frühjahr: säen. Sommer: wachsen lassen. Herbst: ernten. Winter: reparieren, planen, manchmal einfach überleben.

Die Wälder gaben Holz für Häuser und Boote. Pilze und Beeren für den eigenen Tisch. Wild für die, die es erlaubt bekommen hatten. Jeden Baum kannte man. Jeden Weg.

Lotsen führten Schiffe durch die Untiefen um Kap Arkona. Gefährliches Wasser, tückische Strömungen. Wer hier aufwuchs, lernte das Meer lesen wie andere Bücher. Wind aus Nordwest bedeutete Sturm. Möwen, die ins Landesinnere flogen, auch.

'Wi kennt dat Water' – wir kennen das Wasser. Ein Satz, den man sich verdienen musste.

Als die Gäste kamen

Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich etwas. Die ersten Dampfer brachten Fremde. Leute, die nicht arbeiten, sondern sich erholen wollten. Baden. Spazieren. Die Luft atmen.

Viele Fischer und Bauern wurden zu Gastgebern. Nicht aus Begeisterung. Aus Notwendigkeit. Die Fischerei rentierte sich weniger, der Tourismus mehr. Also räumten sie ihre Stuben für Fremde. Sprachen Hochdeutsch, so gut es ging.

In Lohme ging das langsamer. Das kleine Fischerdorf blieb länger bei sich. Kein Prunk wie in Binz. Kein Rummel wie in Sellin. Nur das Meer. Und die, die davon lebten.

Was blieb, was verschwand

Heute hängen keine Netze mehr in Sassnitz. Die großen Felder sind andere geworden, gehören anderen. Aber der Bernstein spült noch immer an. Die Kreidefelsen stehen noch. Das Wasser ist dasselbe.

Bild: Matthias Lemm, Pixabay

Manche Familien sind geblieben. Ihre Namen stehen auf Grabsteinen, die älter sind als der Tourismus. Sie haben gesehen, wie sich die Insel wandelte. Von innen heraus. Sprechen noch Platt, wenn sie unter sich sind.

In den Hafenkneipen hängen noch Fotos von damals. Fischer mit wettergegerbten Gesichtern. Boote, die nicht für Rundfahrten gebaut waren. Bilder aus der Zeit, als Rügen noch sich selbst gehörte.

Heute kommen jährlich Millionen. Das ist eine andere Geschichte. Eine, die zeigt, was passiert, wenn ein Ort zum Sehnsuchtsort wird.

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