Die Insel, die alle wollen

Artikel veröffentlicht unter: 18. Mai 2026
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Die Insel, die alle wollen

Im Juli kommt man in Binz kaum noch zum Strand. Nicht ohne Plan, nicht ohne Geduld, nicht ohne das Gefühl, dass man sich diesen Moment mit der halben Republik teilt.

Das ist kein Vorwurf.

Das ist Rügen.

Etwa 6,5 Millionen Übernachtungen im Jahr 2023. Ca. achtzehn Mal mehr Besucher als Einwohner. Deutschlands meistbesuchte Ostseeinsel – und das schon seit über 200 Jahren. Der Ansturm ist keine neue Entwicklung. Er ist das Ergebnis einer langen Geschichte, die irgendwo zwischen Fischgeruch, Badekarren und kaiserlichem Sommerfrischen begann.

Mal von vorn.

Bevor die Gäste kamen

Bis weit ins 19. Jahrhundert war Rügen eine Insel der Fischer, Bauern und Lotsen. Man fing Hering, baute Kartoffeln an, hütete Schafe, handelte mit dem, was Meer und Acker hergaben. Der Bodden war kein Urlaubskulissenhintergrund – er war Arbeitsplatz. Wer auf Rügen lebte, lebte vom Meer. Nicht für das Meer.

Das änderte sich, als Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus 1816 das erste Seebad der Insel anlegen ließ – bei Lauterbach am Greifswalder Bodden. Bescheiden. Ein Badehaus im klassizistischen Stil, ein paar Badekarren, eine neue Idee: dass man ans Wasser fahren könnte, nicht um zu arbeiten, sondern um sich zu erholen.

Postkarte Gruss aus Lohme – Strandblick auf den Seestern

Die ersten Gäste kamen aus feinen Häusern. Adel, Militärs, Kaufleute, Rentiers. Sie übernachteten in Fischer- und Bauernstuben – anderes gab es nicht. Das erste richtige Hotel der Insel öffnete erst 1869.

Eisenbahn, Eleganz und Emperors

Dann kam die Eisenbahn. 1883 die Strecke von Stralsund nach Bergen, kurz darauf das Netz der Rügener Kleinbahn. Plötzlich war Rügen für mehr Menschen erreichbar als nur für Adel und Großbürgertum.

Was vorher Fischerdorf war, wurde Badeort. Sassnitz stieg zum elegantesten Seebad auf – und zog ab 1878 Angehörige der kaiserlichen Familie an. Das Kurleben galt als „elegant, zum Teil geräuschvoll und ziemlich teuer." Binz, Sellin, Göhren folgten. Promenaden, Cafés, Hotels, gepflasterte Wege. Aus kleinen Orten wurden Orte mit Anspruch.

Um 1900 zählte die Insel bereits ca. 44.000 Badegäste im Jahr. Die Fischerei lohnte weniger als das Vermieten von Zimmern. Rügen hatte sich neu erfunden.

 

Koloss, Kombinat und Wende

Die Nationalsozialisten hatten eigene Pläne für Rügen. In Prora entstand ab 1936 das größte geplante Seebad der Welt: ein Betonriegel von 4,5 Kilometern Länge, konzipiert für 20.000 Urlauber gleichzeitig. Kraft durch Freude. Der Zweite Weltkrieg stoppte den Bau – fertig wurde Prora nie.

Die DDR machte Rügen zum Erholungsort für die Werktätigen. Gewerkschaftliche Ferienheime, Campingplätze, organisierte Sommerfrischen. Die Gäste kamen weiter.

Nach der Wende: Sanierung, Bauboom, neue Hotels, modernisierte Unterkünfte. Und eine Zahl von Besuchern, die vorher niemand für möglich gehalten hätte.

Wohin alle wollen – und was das kostet

Heute steht Rügen da als das, was aus 200 Jahren kollektiver Sehnsucht entstanden ist. Ein Ort, den jeder kennt. Für viele der liebste Ort überhaupt. Und genau deshalb ein Ort unter Druck.

Ca. 48.000 Gästebetten. Im Sommer Stau auf der B96. Volle Parkplätze am Königsstuhl. Bürgerinitiativen, die Wohnraummangel beklagen. Eine wachsende Debatte darüber, wie viel Tourismus eine Insel verträgt – und vor allem: wer das entscheiden sollte.

Das ist kein neues Problem. Aber es wird lauter.

Strandparty in Sellin Rügen

 

Was diese Serie erzählt

„Wohin alle wollen" ist keine Reiseempfehlung und kein Anklagebrief. Es ist eine Spurensuche: Wie wurde Rügen zu dem, was es heute ist? Was hat die Insel gewonnen – und was hat sich verändert?

In den kommenden Artikeln schauen wir genauer hin:

Rügen vor dem Tourismus – Fischfang, Lotsentätigkeit, Landwirtschaft. Was die Insel ernährte, bevor die Gäste kamen – und was davon blieb.

Badekarren und Badeordnung – Wie man im 19. Jahrhundert auf Rügen badete. Wer durfte wann ins Wasser. Und warum die Kaiserliche Familie nach Sassnitz fuhr.

Der Koloss von Prora – Warum die Nationalsozialisten ausgerechnet auf Rügen das größte Seebad der Welt planen ließen. Was daraus wurde. Was heute dort ist.

Die bekannten Seiten. Und die anderen. – Hotspots, Geheimtipps, und was Einheimische wirklich empfehlen.

Zu viele? – Overtourismus auf Rügen: die Zahlen, die kritischen Stimmen, und was die Insel selbst dazu sagt.

Rügen ist größer als seine Hochsaison. Und älter als jeder Strandkorb.

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