Warum Rügen Künstler anzieht – und nie losgelassen hat

Artikel veröffentlicht unter: 24. Mär 2026
Artikel-Tag: Inselmomente Artikel-Tag: Kein Atelier wie dieses
Warum Rügen Künstler anzieht – und nie losgelassen hat

Caspar David Friedrich stand an der Kreideküste und schaute aufs Meer. Was er sah, hat er gemalt. Was er gemalt hat, hängt heute in Museen auf der ganzen Welt – und sieht immer noch genauso aus wie draußen, wenn man früh genug aufsteht.

Das ist selten.

Rügen zieht Künstler an, seit man aufgehört hat, hier nur Hering zu fangen. Maler, Bildhauer, Dichter, Fotografen, Architekten. Manche kamen für einen Sommer. Manche sind nie wieder gegangen. Einer – Ernst Moritz Arndt – wurde hier geboren. Die Gründe dafür sind einfach – und schwer zu erklären.

Das Licht

Alle sagen es. Das Licht auf Rügen ist anders.

Es stimmt. Die Insel liegt weit in die Ostsee hinaus, von allen Seiten kommt Wasser. Kein Hügel, kein Wald bricht das Licht ab, bevor es ankommt. Morgens ist es weich und bläulich. Mittags hart. Am Abend wirft es lange Schatten über die Kreide, und die Felsen leuchten, als käme das Licht von innen.

Friedrich hat das gesehen. Philipp Otto Runge hat es gesehen. Volkmar Herre fotografiert es noch heute – mit einer Kamera ohne Linse, manchmal über ein ganzes Jahr lang.

Es ist dasselbe Licht. Immer noch.

Die Weite

Rügen ist Deutschlands größte Insel. Aber sie fühlt sich nicht groß an. Sie fühlt sich weit an – was etwas anderes ist.

Wer am Kap Arkona steht und nach Norden schaut, sieht nur Wasser. Kein Land mehr. Der Horizont ist eine gerade Linie, und dahinter ist Schweden – aber das sieht man nicht. Was man sieht, ist das Ende von etwas. Oder der Anfang.

Genau dieses Gefühl hat Künstler hierher gezogen. Das Stehen am Rand. Die Stille, die keine echte Stille ist, weil Wind und Wasser immer reden. Die Frage, was hinter dem Horizont liegt.

Caspar David Friedrich hat Rückenansichten gemalt – Menschen, die ins Weite schauen, statt in die Kamera. Rügen hat ihn das gelehrt.

Die Insel als Bühne und Rückzug

Nicht alle kamen wegen der Landschaft. Manche kamen wegen der Abgeschiedenheit.

Auf Hiddensee, der kleinen Nachbarinsel ohne Autos, ohne Trubel, ohne den Kurbetrieb der großen Badeorte, entstand im frühen 20. Jahrhundert eine der bemerkenswertesten Künstlerkolonien Deutschlands. Gerhart Hauptmann, Asta Nielsen, Joachim Ringelnatz, Max Reinhardt. Sie kamen nicht zum Malen. Sie kamen zum Denken, zum Schreiben, zum Atmen.

Rügen selbst hatte Kaiser und Kurgäste. Hiddensee hatte die anderen.

Dass beides gleichzeitig möglich war – der mondäne Badeort und der freie Rückzugsort – hat vielleicht damit zu tun, dass die Insel groß genug ist, um viele Wahrheiten gleichzeitig zu halten.

Was hier entstand

Gotthard Ludwig Kosegarten predigte Ende des 18. Jahrhunderts an den Rügener Ufern – seine Texte über die Insel machten sie überhaupt erst bekannt, zogen die Romantiker an, die dann kamen und malten. Ernst Moritz Arndt, in Groß Schoritz auf Rügen geboren, wurde einer der wichtigsten politischen Schriftsteller seiner Zeit – und hat die Insel nie aus seinen Texten entlassen.

Karl Friedrich Schinkel entwarf Leuchttürme und beeinflusste eine ganze Bäderarchitektur. Gottfried Semper lieferte Entwürfe für das Jagdschloss Granitz. Ulrich Müther, in Binz geboren, revolutionierte den Betonbau mit Schalenstrukturen, die bis heute stehen und unter Denkmalschutz stehen.

Gret Palucca kam 1948 zum ersten Mal nach Hiddensee, kaufte sich ein Sommerhaus, hielt am Strand Sommerkurse ab – und liegt heute auf dem Inselfriedhof in Kloster begraben. Jedes Jahr im Sommer tanzen Studenten der Palucca Hochschule Dresden zu ihren Ehren auf Hiddensee. An Stränden, in Kirchen, auf Wiesen am Hafen. Das ist kein Gedenken. Das ist Fortsetzung.

Hanns Cibulka schrieb auf Rügen und Hiddensee, was in der DDR gefährlich war – sein Tagebuch „Swantow" wurde zum Protesttext gegen die Umweltzerstörung, noch bevor das Wort „Umweltbewegung" in der DDR existierte.

Hans Knospe kam 1916 mit seiner Familie nach Sellin, fotografierte sieben Jahrzehnte lang das Strandleben – und half später beim Wiederaufbau der Seebrücke, weil seine Fotos die einzige Grundlage waren, die noch existierte. Er war 99, als die neue Seebrücke eröffnet wurde.

Volkmar Herre entdeckte Rügen in den 1970er Jahren als Fotograf. Heute belichtet er Fotopapier über Monate, manchmal über ein ganzes Jahr – mit einer linsenlosen Kamera, die das Licht der Insel sammelt, bis etwas entsteht, das kein anderer Ort erzeugen kann.

Das sind keine Zufälle. Das ist eine Insel, die etwas mit Menschen macht.

Was diese Serie erzählt

„Kein Atelier wie dieses" ist keine Kunstgeschichte. Es ist eine Spurensuche: Wer war hier – und was hat die Insel mit ihnen gemacht? Was haben sie hinterlassen? Und was zieht auch heute noch Menschen hierher, die etwas sehen wollen?

In den kommenden Artikeln schauen wir genauer hin:

Kosegarten, Arndt und die Entdeckung der Insel – zwei Männer, die Rügen als geistigen Ort begründet haben, bevor die Romantiker kamen.

Friedrich, Runge, Blechen – die Maler – was sie auf Rügen wirklich sahen, und warum die Bilder noch immer stimmen.

Schinkel, Semper, Müther, Loeper, Steinmeyer – die Erbauer – fünf Männer, fünf Epochen, ein Gesicht der Insel.

Die Bohème von Hiddensee – Hauptmann, Nielsen, Ringelnatz, Fallada, Cibulka und die andere Insel.

Gret Palucca – eine Tänzerin, ein Sommerhaus, ein Grab auf Hiddensee. Und eine Tanzwoche, die jedes Jahr weitergeht.

Hans Knospe und Volkmar Herre – zwei Fotografen, zwei Generationen, zwei Arten, eine Insel festzuhalten.

Wer heute auf Rügen arbeitet – und warum die Insel noch immer zieht.

Die Kreideküste ist noch da. Das Licht auch. Und immer noch kommen Menschen, die genauer hinschauen wollen.

 

Hinweis zum Bild: Kerstin Riemer, Pixabay

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